Auf welche Archive, welche Traditionen beziehen sich Dichter:innen heute? Wer sind die Vorgänger:innen, die Geister und Verbündeten, mit denen sie in ihren Gedichten sprechen? Wo lesen Dichter:innen den Kanon gegen den Strich, und wo bestehen sie auf minoritären Traditionen, die sonst vielleicht übersehen werden?
In acht Gedichtgesprächen erinnern Max Czollek, Mátyás Dunajcsik, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Odile Kennel, Björn Kuhligk, Jâyrome Robinet, Katharina Schultens und Nora Zapf an vergessene und zu wenig gesehene literarische Werke, legen geheime Kompliz:innenschaften ihres Schreibens offen und stellen in kurzen Essays und Antwortgedichten jeweils ein Gedicht eines Wahlverwandten vor, das für ihr Schreiben wichtig ist. Anhand dieser Texte entsteht ein kleines, radikal persönliches, alternatives Archiv.
Mit Texten von Sor Juana Inés de la Cruz, Max Czollek, Mátyás Dunajcsik, Andrea Gibson, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Odile Kennel, Theodor Kramer, Björn Kuhligk, Adília Lopes, Aras Ören, Jâyrome Robinet, Lea Schneider, Katharina Schultens, Hannelies Taschau, François Villon, Nora Zapf und Marina Zwetajewa.
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Björn Kuhligk: Leuchtrakete (Auszug)
Die ersten Liebeskummer-Gedichte lagen Jahre zurück, ich absolvierte meinen Zivildienst in einem Hamburger Krankenhaus, und die Beschäftigung mit Sterbenden und Kranken überforderte mich. Mir fiel wieder ein, wie mir im Unglück das Schreiben geholfen hatte, und ich begann wieder zu schreiben. In Antiquariaten kaufte ich Lyrikbände und lernte durch die Lektüre und das Nach- und Hinterherschreiben von Autor:innen, deren Gedichte ich mochte, ohne damals allerdings zu bemerken, dass ich nichts anderes machte als zu kopieren. Eines dieser Bücher war Wundern entgehen von Hannelies Taschau, die gesammelten Gedichte dieser Autorin, die 1981 im Luchterhand Verlag erschienen. Ich schlug das Buch auf, las das erste Gedicht, klappte das Buch wieder zu und kaufte es. Dieses Gedicht hatte mir den Kopf nach hinten geschlagen, es machte mich fassungslos, es sprach zu mir, ja eigentlich war es für mich geschrieben worden, und wer so ein Gedicht schreiben kann, so dachte ich mir, der hat auch andere geschrieben, die ich mögen werde.
Ich hatte in jenem Antiquariat die letzten vier Zeilen des Gedichts gelesen, die ich seitdem auswendig kann, ohne sie auswendig gelernt zu haben: „Am Ende muß es genügen wenn der andere sagt / dich habe ich gesucht in allen // Ich bin gegen die Todesstrafe bis es einen / Mörder meines Vaters gibt“. […]
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Lea Schneider, Autorin, Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin, beschäftigt sich im Forschungsprojekt Afterwords an der FU Berlin mit Geistern, Trauer, Heimsuchung und Nachträglichkeit in der Gegenwartslyrik. Zuletzt erschienen Radikale Verletzbarkeit (transcript, 2024), der Essay Scham (Verlagshaus Berlin, 2021), und der Gedichtband made in china (Verlagshaus Berlin, 2020).
Lea Schneider (Hg.)
Alternative Archive. Acht Gedichtgespräche
hochroth München 2025
ISBN 978-3-949850-61-5
54 Seiten, Broschur
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